SFR/Transregio 427: Historische und transkulturelle Narratologie - Teilprojekt B04: Ideen erzählen

SFB/Transregio "Historische und transkulturelle Narratologie"

Projektbeschreibung 

Der Lehrstuhl für Klassische Philologie/Latinistik ist an dem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) bewilligten Sonderforschungsbereich/Transregio (SFB/TRR 427) „Historische und transkulturelle Narratologie“ beteiligt. Das Forschungsnetzwerk umfasst 19 Teilprojekte an den Universitäten Freiburg, Bonn und Bochum.

 

Ziel des Verbunds ist die Entwicklung einer Theorie des Erzählens, die die eurozentrischen und modernitätsbezogenen Prägungen bisheriger Ansätze überwindet. Während traditionelle narratologische Modelle überwiegend auf der Literatur des modernen Europas basieren, verfolgt der SFB/TRR einen vergleichenden Ansatz, der Erzählformen aus unterschiedlichen Zeiten und Kulturen berücksichtigt. Die behandelten Themen reichen von altchinesischer Weisheitsliteratur bis hin zu Prozessen der Nationsbildung im frühneuzeitlichen Südamerika. Über eine maximale Förderlaufzeit von zwölf Jahren soll so ein umfassenderes Verständnis des Erzählens als grundlegender Bestandteil menschlicher Kultur und Erfahrung entwickelt werden.

 

Ab Oktober 2026 werden Prof. Dr. Gernot Michael Müller und Dr. Leo Trotz-Liboff mit ihrem Teilprojekt „Narrating Conversation – Narrating in Conversation: Narrative Strategies and their Functions in Ancient Philosophic Dialogue“ ihre Forschungsarbeit aufnehmen.

Obwohl philosophische Dialoge in der griechisch-römischen Antike eine zentrale literarische Form darstellen, wurden sie von der narratologischen Forschung bislang nur selten berücksichtigt. Der Grund liegt vor allem darin, dass die Darstellung von Gesprächen oft als Gegensatz zum Erzählen verstanden wird. Tatsächlich enthalten philosophische Dialoge jedoch zahlreiche narrative Elemente und Erzählungen innerhalb der Figurenrede erfüllen wichtige argumentative und kommunikative Funktionen.

Das Projekt untersucht daher erstmals systematisch die Rolle des Erzählens als grundlegendes Merkmal antiker philosophischer Dialoge. In der ersten vierjährigen Förderphase stehen die Dialogwerke Platons und Ciceros im Mittelpunkt. Dabei soll erwiesen werden, dass narrative Strategien in diesem wesentliche kulturübergreifende Fragen der Selbstdarstellung und Erkenntnistheorie berühren, etwa autobiografische Selbstvergewisserung und die Suche nach Selbsterkenntnis.

Darüber hinaus entwickeln Platon, Cicero und andere antike Autoren in ihren Werken eigene Reflexionen über das Erzählen. Die Untersuchung dieser Ansätze ermöglicht es, gegenwärtige narratologische Modelle kritisch zu erweitern, moderne Perspektivverengungen zu überwinden und antike Erzählformen differenzierter zu verstehen – sowohl im philosophischen Dialog als auch in anderen literarischen Gattungen.

Im Zentrum der Analyse stehen ausgewählte Werke, die das Verhältnis zwischen erzähltem und dramatisch dargestelltem Dialog sowie Fragen von Autobiografie und Selbsterkenntnis thematisieren. Auf Seiten Platons werden insbesondere der Theaitetos, der Phaidon und die Erastai untersucht. Für Cicero bilden De inventione, die Tusculanae disputationes und De amicitia die zentralen Untersuchungsgegenstände.

Die ausgewählten platonischen Dialoge repräsentieren unterschiedliche Formen des Erzählens und zeigen, wie das Leben des Sokrates aus verschiedenen Perspektiven als philosophisches Vorbild dargestellt wird. Cicero knüpft in seinen Werken unmittelbar an diese Texte an und entwickelt Platons Modell weiter. Dabei verbindet er philosophische Autobiografie und Erkenntnissuche in einem spezifisch römischen kulturellen Kontext. Seine erzählten Dialoge eröffnen die Möglichkeit einer literarischen Selbstinszenierung, in der Cicero zugleich die Rollen Platons und des Sokrates übernimmt und Philosophie als Praxis der römischen Elite etabliert.

Die Ergebnisse des Projekts versprechen nicht nur neue Einsichten in die literarische Bedeutung des Erzählens in der Antike, sondern eröffnen auch neue Perspektiven auf die Themen Autobiografie und Selbsterkenntnis im weiteren Sinne.

 

 

The Chair of Classical Philology/Latin has been part of a successful application for the Collaborative Research Centre/Transregio (SFB/TRR 427) project “Historical and Transcultural Narratology,” awarded by the German Research Council (DFG). The project contains 19 individual projects between the Universities of Freiburg, Bonn, and Bochum. 

The overall aim is to elaborate a new narratological theory (an account of the way stories are told) that transcends the biases within the origins of the discipline which favor theories of narration based on literature from late modern Europe. Spanning topics like ancient Chinese wisdom literature and nation building in early modern South America, the project over a maximum funding period of 12 years will use a comparative approach develop a more encompassing way of describing and understanding storytelling as a fundamental part of the human experience. 

In October 2026, Prof. Dr. Gernot Michael Müller and Dr. Leo Trotz-Liboff of our department will begin work on their individual project “Narrating Conversation – Narrating in Conversation: Narrative Strategies and their Functions in Ancient Philosophic Dialogue.” 

Narratological studies of Greco-Roman antiquity have hardly treated philosophic dialogues because the representation of speeches seems at odds with narrative. Yet, dialogues are often narrated and narrative within characters’ speeches is a key discursive strategy. 

Thus, this project theorizes narrative as a central feature of ancient philosophic dialogue for the first time, in its first 4-year phase by analysis of the dialogue corpora of Plato and Cicero. In particular, narrative reveals cross-cultural aspects of self-presentation and epistemology like autobiography and the quest for self-knowledge. 

Furthermore, insofar as Plato, Cicero, and other ancient authors explicitly develop their own narratological theories, this project allows for a modification of contemporary narratology to avoid the modern biases of the discipline and better understand ancient narration, both in ancient dialogues and other genres. 

These two dialogue corpora will be investigated by focusing on exemplary works which thematize the difference between narrated and dramatic dialogue with reference to the questions of autobiography and self-knowledge. These include Plato’s Theaetetus, Phaedo, and Erastae and Cicero’s De inventione, Tusculanae disputationes, and De amicitia. 

The works of Plato selected exemplify different narrative forms and deal with the presentation of Socrates’ life as an model of philosophy through both his and others’ perspectives. Cicero’s works respond directly to those of Plato studied and builds on Plato’s model to provide a new account of the link between philosophic autobiography and the pursuit of knowledge, one centered in a particularly Roman cultural context. Cicero’s explores the possibility of narrated dialogues to fashion an autobiography where he takes the place of both Plato and Socrates and establishes philosophy as an elite practice in Rome. 

The results will not only show reveal a new dimension to the literary question of narration in antiquity, but also offer a new perspective on autobiography and self-knowledge broadly speaking. 

 

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Gernot Michael Müller

Avatar Trotz-Liboff, Ph. D.

Leo Trotz-Liboff, Ph. D.

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